Marx 2000
   

Mit der Ausstellung MARX 2000 wirft das Ethnographische Museum von Neuenburg (MEN) einen kritischen Blick auf die ultraliberale kapitalistische Gesellschaft am Ende dieses Jahrhunderts.
Die Zeichenserie, die auf dem Plakat das Portrait von Karl Marx überblendet, stellt eine DNA-Sequenz dar, so wie sie in einer Datenbank gespeichert wird. In dieser Sequenz befindet sich das Gen, das verschlüsselt das Somatotropin-Protein des Rindes kodiert, ein Wachstumshormon, das durch Klonierung reproduziert und der Kuh zur Erhöhung der Milchproduktion eingespritzt wird.
Das Übereinanderlegen des Autors des «Kapital» mit einer DNA-Sequenz legt die Idee nahe, dass nichts mehr dem Markt entwischen kann, und dass die Auswahl von dem, was sich am besten verkauft unerbittlich den Ausschluss von dem, was sich schlecht oder gar nicht verkauft bedeutet.

Roter Spitzenmarkt


Diese Idee weiterentwickelnd, erinnert MEN ganz am Anfang an die Zeugen der Geschichte, wie die traditionelle Landwirtschaft, den Minenbau, die Eisenindustrie, die Typographie oder die ideologischen Konflikte. Die Gegenstände aus den verschiedenen Bereichen kommen einem verlassen vor, wie wenn sie von ausgetrockneten oder aufbewahrten Ablagerungen herstammten. Sie sind ein Wirrwarr von Spuren aus längst vergangenen Zeiten, in denen sie ihren Platz noch innehatten. Heutzutage werden sie durch das System auf einer idealisierteren, einer nostalgischeren Ebene wiederverarbeitet. Durch das Spiel der Wiederherstellung und der Entfremdung werden diese Dinge neu verkauft als Zeichen, die auf zweiter Ebene zu lesen sind, eine abgelaufene Vergangenheit erinnernd oder verherrlichend.

Mit einem Luxuswarenladen führt die Ausstellung anschliessend in einen Spitzenmarkt des menschlichen Körpers, der Genetik, der Technologie und der Informatik. Sie entwickelt die Idee, dass nichts und niemand mehr dem Verkauf, dem Katalog oder dem Patent zu entwischen vermag. Sie legt durch einen zentralen, dem Geld gewidmeten Bereich nahe, dass die ganze Erde dem folgenden Gesetz unterliegt: ein Maximum an Profit irgendwie und mit irgendwelchen Mitteln in kürzester Zeitspanne erreichen.

Nach der Darstellung einiger Aspekte aus dem Leben von Marx, dessen Geist über der ganzen Ausstellung schwebt, konfrontiert MEN den Besucher mit der Gewalt einer Wettkampfsgesellschaft gegenüber, die ihre Gewinnposten und ihre Ausschlussquoten selber produziert.

Im Bewusstsein der Ziele, die hinter den Mauern der Forschungslabore gesetzt werden, vermittelt der Schluss der Ausstellung ein nicht sehr prächtiges Bild der Zukunft – eine Zukunft, die unsere Gesellschaft durch die systematische Praktik der Klonierung, der Erbhygiene und der Serialisation in einen neuen Typ des Totalitarismus abrutschen zu lassen droht.

  

Mise à jour le 18.09.1998   [Webmaster]